Ob Freie Trauung, Kinderwillkommensfest oder Trauerfeier – eine Frage dominiert: Wer ist die Richtige bzw. der Richtige? Freie Rednerin oder Freier Redner? Was kann sie, was er nicht kann? Was hat er, was ihr fehlt? Ein Plädoyer jenseits der Geschlechterdebatte.
Inhaltsverzeichnis
1. Wir stecken Menschen gerne in Schubladen
2. Vorurteile offenlegen – Kompetenzen hinterfragen
3. Die entscheidende Frage: Kann dieser Mensch uns eine Stimme geben
4. LGBTQ+ sehen, verstehen, respektieren
5. Trotzdem spielt das Geschlecht eine Rolle
6. Tipps für das Finden des richtigen Redners bzw. der richtigen Rednerin
1. Wir stecken Menschen gerne in Schubladen
💭 Lust auf ein kleines Gedankenspiel?
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, einfach weil unser Gehirn Schubladen liebt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Effizienz. Unser Gehirn sortiert, erkennt Muster und beschriftet so Schubladen. Das gesellschaftliche Rollenbild entscheidet maßgeblich, was in welcher Schublade landet. So ist die Hebamme automatisch weiblich belegt, einfach weil der Beruf eine Frauendomäne ist. Obwohl es die offizielle Berufsbezeichnung für Frauen wie Männer ist.
Also ein natürlicher Prozess. Problematisch wird es erst dann, wenn aus diesen Mustern vermeintliche Wahrheiten werden. Deutlich wird das ganz gut, wenn Familien eine Freie Rednerin oder einen Freien Redner für eine Zeremonie suchen. Dann kommen ganz oft Schubladen ins Spiel:
Das sind drei Beispielsätze aus Kennenlerngesprächen der zurückliegenden acht Jahre. Und der Ausgangspunkt für diesen Beitrag. Auch, weil ich zwei Bestatter in meinem Umfeld habe, die bei der Beratung ihre Kunden regelmäßig fragen: „Hätten Sie lieber einen Mann oder eine Frau als Redner?“ Wohlgemerkt „… als Redner“?!
2. Vorurteile offenlegen – Kompetenzen hinterfragen
Ich bin davon überzeugt: Das Geschlecht einer – formulieren wir es mal weitgehend neutral – Rednerperson erzählt zunächst etwas über diese Person. Also, wie sie sich definiert. Es verrät aber rein gar nichts darüber, wie sie Eure Geschichte erzählen kann. Wie sie zuhört, arbeitet, spricht und Eure Zeremonie leitet.
Beispiel Empathie:
Sind Frauen tatsächlich empathischer? Schaut man sich wissenschaftliche Studien an, wird rasch klar. Bei Befragungen beschreiben sich Frauen als empathischer. Doch sobald Empathie experimentell und damit objektiv gemessen wird, schrumpfen die Unterschiede erheblich. Auch die Vorstellung, Frauen seien grundsätzlich emotionaler, hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Offenbar unterscheiden sich weniger unsere grundsätzlichen Fähigkeiten als vielmehr Ausdruck, Erfahrungen, Erwartungen und gesellschaftlich gelernte Rollen. Das sehen wir als Freie Redner*innen auch bei den Gästen: Oft sind es die scheinbar härtesten Jungs, die als Bräutigam plötzlich Tränen in den Augen haben.
Beispiel Humor:
Wenn es um Witz, Humor und Pointen geht, liegen die Männer wissenschaftlichen Experimenten zufolge vorn, wenn sie etwas Lustiges produzieren sollen. Aber, so ist nun mal Wissenschaft: es geht um statistische Mittelwerte und nicht um den einzelnen Menschen. Für eine gute Zeremonie ist nicht entscheidend, möglichst viele Pointen zu platzieren, sondern im richtigen Moment den richtigen Ton zu treffen. Humor ist ein rhetorisches Mittel, aber es geht nicht darum, Possen zu reißen. Ich selbst kann mir keine Witze merken, liebe aber situativen Humor und Wortwitz. Denn einen Witz erzählen kann fast jeder. Zu wissen, wann eine Hochzeitsgesellschaft lachen darf, wann Angehörige bei einer Trauerfeier sogar schmunzeln wollen – und wann man besser die Klappe hält: Das ist keine Frage des Geschlechts, das ist Handwerk.
Beispiel Souveränität:
Durchsetzungsfähig, entschlossen, selbstsicher – Eigenschaften, die wir bis heute eher Männern zuschreiben. Aber als Leader musst Du nicht laut poltern, um zu führen. Bestes Beispiel: Donald Trump versus Angela Merkel. Unabhängig von der politischen Linie zeigt dieses Pendant aus der Politik eines: Man muss weder laut sein noch mit der Faust auf den Tisch hauen, um Autorität auszustrahlen. Stattdessen Ruhe bewahren, Unsicherheit nicht verstecken und trotzdem Orientierung geben. Für uns als Redende heißt das: Du bist dann souverän, wenn Du die Aufmerksamkeit auf Dich lenkst, auch wenn ein Kind dazwischenschreit, die Technik trotz x-fachen Soundchecks plötzlich den Geist aufgibt oder sich aus dem schönsten blauen Himmel ad hoc ein Wolkenbruch ergießt.
3. Die entscheidende Frage: Kann dieser Mensch uns eine Stimme geben?
- Zuhören: Hakt der Redner bloß einen Fragenkatalog ab oder achtet er auf Zwischentöne? Fragt er an den Stellen nach, die kompliziert oder gar widersprüchlich sind? Lässt er sich auf uns ein oder steckt er uns in eine Schublade?
- Geschichten erkennen: Schafft es der Redner, aus komplexen oder lückenhaften Erzählungen einen roten Faden zu stricken, eine Dramaturgie zu entwickeln?
- Emotionen: Kommt der Redner auch mit schwierigen Familienaufstellungen klar? Schafft er es, die Emotionen auszubalancieren, zu dosieren, ohne einen Gefühlsdruck zu erzeugen?
- Präsenz: Bringt der Redner je nach Zeremonie die nötige Mischung aus Körpersprache, Ruhe, Bühnenpräsenz, Sicherheit und Stimme mit?
- Spontaneität: Jede Zeremonie ist live und damit voller ungeplanter Momente. Kann der Redner damit umgehen und jenseits des Skripts spontan reagieren?
- Öffnen: Wer mit Menschen so eng zusammenarbeitet wie wir als Freie Redner, hat auch das Recht, etwas über uns zu erfahren. Keine Selbstdarstellung, aber Austausch auf Augenhöhe.
- Freie Trauung: Eine Rednerin versteht die Gefühle einer Braut nicht zwingend besser, ebenso wenig ist ein Redner besser für eine Trauung zweier Männer geeignet. Entscheidend ist nicht die Geschlechterzugehörigkeit, sondern, dass die Rednerperson die Beziehung versteht (um das Besondere herauszuarbeiten), Nähe herstellt und den richtigen Ton trifft.
- Trauerfeier: Eine Trauerrednerin ist nicht per se empathischer, ein Trauerredner nicht automatisch sachlicher. Es kommt immer auf den Typus Mensch an. Trauer braucht eine Stimme, der man vertraut.
- Kinderwillkommensfest: Ich bin Vater von vier Kindern, für die jüngeren heute noch der „Superheld“, derweil von den älteren schon mit „chill mal“ abgespeist. Ich bin überzeugt, ein Mann kann genauso warmherzig, liebevoll und nahbar ein Kinderwillkommensfest halten wie eine Frau. Und ich setz noch einen drauf: Selbst Redner*innen ohne Kinder können ein wunderbares persönliches KiWi gestalten. Ja, eigene Erfahrung kann Verständnis erleichtern. Sie ersetzt aber nicht die anderen Punkte und sie garantiert sie schon gar nicht.
4. LGBTQ+ sehen, verstehen, respektieren
Als Freier Redner höre ich in vielen Gesprächen Dinge, die nicht immer mit meiner Überzeugung übereinstimmen. Ehrlicherweise bin ich dann immer umso interessierter, weil ich andere Denkweisen und Lebensformen kennenlerne. Das trifft auch auf LGBTQ+-Paare zu. Ein homosexueller Redner kann Situationen aus eigenen Erfahrungen kennen und möglicherweise besser nachvollziehen, aber daraus automatisch eine Kompetenz zu schließen, greift zu kurz.
Wichtiger ist doch:
5. Trotzdem spielt das Geschlecht eine Rolle
Wer jetzt sagt „Ja, das sind alles Argumente, aber ich möchte doch lieber eine Frau als Trauerrednerin“, dem kann ich als Zertifizierter Freier Redner sagen: „Dann mach es!“ Gerade wenn Du schon eine bestimmte Person kennengelernt hast, die Dir von ihrer Art her gefällt, vielleicht hast Du sie schon mal gehört oder ihr Profil hat Dich bei Insta oder auf der Seite von Freie Redner angesprochen. All das ist vollkommen okay.
Der entscheidende Punkt ist und bleibt nur: Eine pauschale Zuschreibung von Fähigkeiten auf Grund des Geschlechtes sollte kein Argument sein. Allein ein Geschlecht ist keine Qualitätsgarantie. Du entscheidest, wem Du das Vertrauen schenkst, Deine Zeremonie zu leiten.
6. Tipps für das Finden es richtigen Redners bzw. der richtigen Rednerin
Vielleicht helfen Dir genderneutrale Tipps bei der Auswahl des Menschen, der Deine Zeremonie begleiten soll. Wenn ich an die Gespräche mit den mehreren hundert Familien denke, die ich begleitet habe (und ich frage gerne, warum sie sich für mich entschieden haben), dann lassen sich daraus folgende Entscheidungsfragen ableiten:
Mein ehrlicher Tipp: Nur, wenn Ihr nach dem Kennenlerngespräch oder ersten Telefonkontakt wirklich das Gefühl habt, diesem Menschen Euch, Eure Geschichte und einen wichtigen Moment Eures Lebens anzuvertrauen, geht den nächsten Schritt.
Und meine Bitte: Seid offen! Es gibt so viele tolle Rednerinnen wie Redner. Am Ende leiht Euch kein Geschlecht seine Stimme, es ist immer ein Mensch – mit seiner ganz eigenen Geschichte. Auch ich werde nicht gebucht, weil ich ein Mann bin, noch dazu mit Bart und grauen Schläfen. Sondern weil mir Menschen zutrauen, ihre Geschichte zu verstehen, zu erzählen und sich darin wiederzuerkennen.
Fotos: Dr. Tobias D. Höhn, Nicole Schmidt, Lisa Drummer, Rick Metzner



